Südliches Afrika 1

Teil 4: Namibia

 

"Dass Namibia zu einer anderen Welt gehört, wird uns schon an der Grenze bewusst: Derart moderne und saubere Zollgebäude mit klar definierten Schaltern, hinter denen Beamte sitzen, die einen nicht erst Stunden warten lassen, bevor man überhaupt eines Blickes gewürdigt wird, haben wir in Afrika noch nirgends gesehen. Werbeprospekte für touristische Einrichtungen liegen auf, und Geld muss nicht mehr unter dubiosen Umständen auf der Strasse, sondern darf in einer klimatisierten Bank mit blitzsauberen Marmorböden gewechselt werden. Verstaubt und verschwitzt, wie wir sind, fühlen wir uns in dieser vornehmen Umgebung fast ein wenig fehl am Platz.

Dann das Einkaufserlebnis im ersten Supermarkt: Alles, was das verwöhnte Herz eines Mitgliedes der Wohlstandsgesellschaft begehrt, ist zu erschwinglichen Preisen erhältlich. Wir müssen uns beherrschen, nicht in einen Kaufrausch zu verfallen."

Wir fahren direkt nach Windhuk, um technische und gesundheitliche Probleme zu lösen bzw. auszukurieren. So bleiben wir insgesamt 3 Wochen in Namibias Hauptstadt und lernen dabei auch viele neue Freunde kennen. Wie schön das Reisen in Namibia sein kann, können wir dann in Spitzkoppe erfahren. Das Campen in dieser wunderbaren Umgebung ist einfach herrlich.

 

Nach einer erholsamen Woche hat sich mein Magen-Darmtrakt weitgehend normalisiert, und wir können die Reise wieder fortsetzen. Durch trostlose Wüste geht es der Küste entlang nordwärts. Für die Entstehung der Namib-Wüste ist ebenfalls der kalte, die vom Meer her kommende Luftfeuchtigkeit absorbierende und damit Niederschläge verhindernde Benguela-Strom verantwortlich. Obwohl am Wendekreis des Steinbockes gelegen – und somit noch in den Tropen –, findet sich an dieser Küste keine Palme, ja kein einziger Strauch oder Baum. So treffen auch hier, wie schon zuvor in Nordwestafrika, Wasser- und Sandwüste aufeinander. Was der nährstoffreiche Strom der ihn angrenzenden Landmasse entzieht, gibt er dafür umso reichhaltiger innerhalb seines Wasserflusses ab: eine Fülle von Leben. Grosse Makrelen- und Sardinenschwärme leben in dem lediglich 10 bis 15 Grad warmen Wasser und ernähren wiederum Abertausende von Pelikanen, Kormoranen oder Seelöwen. Am Cape Cross hält sich mit etwa 100’000 Tieren eine der grössten Robbenkolonien Afrikas auf. Obwohl wir die Tiere vom Parkplatz aus noch nicht sehen können, weisen der ohrenbetäubende Lärm und der penetrante Gestank unmissverständlich auf ihre Existenz hin. Schon nach wenigen Metern gelangt man dann an eine Schutzmauer, hinter der sich die Robben sonnen, die Muttertiere ihre Jungen säugen und die Bullen sich brüllend streiten. Ein Gewimmel von braunen und schwarzen Leibern bedeckt den Strand, und nochmals viele Tausend schwimmen in der gewaltigen Brandung, tauchen geschickt unter den riesigen Brechern durch, um dann gleich wieder an die Oberfläche zu kommen und mit ihren Haselnussaugen das Heranrollen des nächsten Wellengebirges zu beobachten.

Das Kreuzkap ist aber auch von historischer Bedeutung. Der Portugiese Diego Cáo, der erste Europäer, der die Küste Namibias betrat, errichtete hier 1486 zu Ehren seines Königs ein Kreuz aus Kalkstein. 400 Jahre lang trotzte das Kreuz Wind und Wetter, bis es 1893 ein deutscher Kapitän demontierte und mit nach Deutschland nahm. Ein Jahr danach wurde an gleicher Stelle eine originalgetreue Nachbildung errichtet, die heute noch, zwei Meter hoch in den Himmel ragend, an den grossen Seefahrer erinnert.

"Die Wüste vermittelt uns ein schon lange nicht mehr erlebtes Gefühl der Freiheit. Das menschenleere, unfruchtbare Land lohnt sich nicht zum Einzäunen und gibt dem Reisenden eine grössere Bewegungsfreiheit. Er kann sich sein Nachtlager irgendwo in der freien Natur aussuchen; der Raum scheint grenzenlos und die Stille absolut. Wendet man sich von der Küste ab, sorgen bald erste Hügel und Berge für landschaftliche Abwechslung, und am Horizont zeichnet sich die Silhouette des Brandbergs ab, des mit 2’579 Metern höchsten Gebirges Namibias. Bizarr aussehende Welwitschas behaupten sich gegen die Unbill der Natur und setzen grüne Farbtupfer in die graue Schotterwüste. Die nur in einem etwa hundert Kilometer breiten Streifen Nordwestnamibias heimische Pflanze kommt mit zehn Millimetern jährlichem, lediglich aus Küstennebel bestehendem Niederschlag aus. Eine Welwitscha kann mehr als tausend Jahre alt werden und gilt somit als lebendes Fossil."

Am Ugab-River fühlen wir uns für einen Moment in den Südwesten der USA versetzt, denn die Felsformationen und Tafelberge erinnern an das berühmte Monument-Valley. 

"Einmal stehen wir an einem unscheinbaren Wasserloch, wo ausser einigen Antilopen keine weiteren Tiere zu sehen sind. Da es aber gerade Zeit zum Frühstücken ist, verweilen wir etwas länger, als es sonst der Fall gewesen wäre. Und siehe da, plötzlich trotten zwei gigantische Elefanten – die Etosha-Elefanten gelten als die grössten Afrikas – zu dem kleinen Tümpel. Dann tauchen auch noch Giraffen, Zebras, Warzenschweine und weitere Antilopenarten auf, die sich alle um die kleiner und kleiner werdende Pfütze scharen. Endlich haben die Rüsseltiere genug getrunken und geduscht, und sie setzen sich wieder in Bewegung – genau auf uns zu! Einer stellt sich quer vor und der andere quer hinter unser Auto. Sicherheitshalber setze ich mich schon mal startbereit ans Steuer, doch die beiden Dickhäuter haben uns regelrecht ins Sandwich genommen, und es bleibt uns gar nichts anderes übrig, als abzuwarten. Einen „Fluchtversuch" könnten die Elefanten durchaus als Provokation verstehen, aber dazu besteht kein Anlass: Die beiden verharren rüsselschwingend und ohrenflappend auf ihrem Platz, bis es dem einen dann endlich doch zu blöd wird. Bevor er bedächtig davontrottet, wirft er mit seinen kleinen Äuglein nochmals einen forschenden Blick auf uns."

Der Etosha-Nationalpark fasziniert vor allem durch seinen grossartigen Wildreichtum.

Fotogene Zebras im Etosha-Nationalpark

Das Kaokoveld war für Beni und vor allem die Reifen eine Herausforderung. Letztere litten auf einigen Hundert Kilometer mehr als auf der ganzen Reise zuvor. Die extreme Steilheit dieses Bachbettes kommt aus dieser Perspektive zu wenig zum Ausdruck. 

"Wie schwierig die Wege in dieser Gegend sein können, zeigt uns dann die Überwindung der Wasserscheide zum Marienfluss-Tal. Irgendwo müssen wir aber die den Weg nach Osten versperrende Gebirgskette queren. Als einzige Streckenbeschreibung besitzen wir jene vom berühmtberüchtigten, für enthusiastische Geländewagenfahrer die ultimative Herausforderung darstellenden Van Zyl’s Pass. Von Westen her soll der überaus steile Pass aber selbst mit geländegängigeren Fahrzeugen als dem unseren unbezwingbar sein.

So versuchen wir eine auf unserer genauen Strassenkarte weiter südlich eingezeichnete Strecke. Baumaschinen hat diese Gegend noch nie gesehen. Der Feldweg folgt den topografischen Gegebenheiten, schlägt weite Bogen und grosse Umwege durch sanft ansteigende Täler. Oft passieren wir verlassene Himba-Siedlungen. Die Himba sind eine Bevölkerungsgruppe, die durch ihre extreme Abgeschiedenheit die traditionelle, halbnomadische Lebensweise weitgehend erhalten hat. Die bienenkorbförmigen Hütten dieses Volkes sind aus biegsamen Ästen gefertigt, die dann mit einer Mischung aus Kuhdung und Lehm verputzt werden. Die derzeit menschenleeren Hütten werden sich dann wieder mit Leben füllen, wenn ein Stamm mit seinen Rinder- und Ziegenherden auf der Suche nach besseren Weideplätze hier vorbeizieht.

Immer weiter führt der Weg in die Berge hinein. Nach der gestern gemachten Erfahrung müssen wir damit rechnen, unter Umständen den ganzen weiten Weg wieder zurückfahren zu müssen. Wir wollen nichts erzwingen und unseren „Beni“ bestmöglichst schonen, denn schliesslich soll er uns auch wieder nach Hause bringen. Das Strässchen windet sich aber erstaunlich sanft höher und höher, bis endlich die Passhöhe erreicht ist, wo sich ein atemberaubender Ausblick auf die wilde, unberührte Landschaft öffnet."

Junge Himba mit ihrem Baby in Nordwest-Namibia

 

"Gegen Abend kommen wir zu den ersten bewohnten Himba-Dörfern. Wir parken vor einer mit Geäst und Dornzweigen hoch eingezäunten Siedlung und warten erst einmal ab. Unsicher getrauen sich als Erste einige nur mit einem Lendenschurz bekleidete, dafür mit dicken Hals- und Armreifen geschmückte Kinder heran. Zögernd folgen dann zwei junge Frauen mit ihren Babys. Die Himba-Frauen reiben ihre Körper zum Schutz gegen die sengende Sonne mit einer Paste aus Ocker, Butterfett und Kräutern ein. Die ockerfarbene Haut, der schwere Schmuck aus Messing, Kupfer oder Eisen, die aus Tierfellen gefertigten Schürzen (ihre einzige Bekleidung) sowie die kunstvollen, ebenfalls mit einer lehmigen Paste gestärkten Frisuren, geben diesen Frauen ein sehr exotisches, unverwechselbares Aussehen. Es sind schöne Naturmenschen, die hier, wo kaum je ein Auto durchkommt, uns Fremden gegenüber auch noch scheu und zurückhaltend sind. In ihren Augen sind wir wahrscheinlich ebensolche Exoten, wie sie in den unseren. Um den Bann der riesigen kulturellen Kluft etwas zu brechen, geben wir ihnen eigens für solche Momente mitgeführte Geschenke in Form von in Gläsern abgefülltem Maisgriess und Zucker ab. Nun hellen sich ihre Mienen auf, und sie verlieren ihre Scheu ein wenig. Während Sonja mit den Kindern schäkert und die Frauen ihren Säuglingen die Brust geben, kann ich ungestört fotografieren. Ein Gespräch ist natürlich nicht möglich, da keiner die Sprache des anderen versteht, aber mit Gesten und Gebärden ergibt sich trotzdem für alle eine lustige Unterhaltung, wobei einmal mehr die fröhliche und ungezwungene Natur der Afrikaner zu Hilfe kommt."

 

"Wie erwartet, wird es eine weitere ruhige Nacht. Aber bereits bei der ersten leichten Morgendämmerung sind draussen vor dem Auto Stimmen zu vernehmen. Wir spähen hinaus und können im fahlen Licht eine Gruppe von in Decken gehüllten Knaben und Mädchen erkennen. Rasch ziehen wir uns etwas über und begeben uns ebenfalls nach draussen, um die kleine, in der Morgenkälte schlotternde Schar zu begrüssen. Auch uns ist kalt, und spontan zieht die Älteste, ein etwa vierzehnjähriges, hübsches Mädchen, Sonja unter ihre aus grober Wolle gefertigte Decke, presst sie an ihren nackten Körper, um etwas von ihrer Wärme an die Fremde abzugeben. Sonja ist von dieser impulsiven Handlung natürlich überrascht, aber es ist für sie auch das wunderschöne und unvergessliche Erleben der angeborenen Herzlichkeit eines Naturmenschen."

 

Die wärmende Sonne kommt bald und die Kinder können ihre Decken beiseite legen

 

Der Mühe Lohn waren dann die Epupa-Fälle an der angolanischen Grenze

"Sossusvlei mit den angeblich weltweit höchsten Dünen ist trotz der Abgeschiedenheit eine der meistbesuchten Sehenswürdigkeiten Namibias. Die Dünen sind wahrhaftig imposant und zudem vom ewigen Wind wunderschön modelliert. Vor allem bei tiefem Sonnenstand, wenn die scharfkantigen Dünenkämme ihre Schatten werfen und die Farbe der Sandberge allmählich in orange oder rot übergeht, kann man sich an diesem Kunstwerk der Natur kaum satt sehen. Eine geteerte Strasse führt auf dem festen Boden eines breiten Tals durch die Dünenlandschaft. So kann auch der Pauschaltourist im komfortablen Reisebus einen Hauch Wüstenabenteuer erleben. Zum Programm gehört auch das obligate Erklimmen von Düne 45 (benannt nach der Anzahl Strassenkilometern ab dem Parkeingangstor), eine der wenigen leicht zugänglichen Riesendünen. Viele Dünengänger sind dann allerdings bass erstaunt, wie kräfteraubend eine Besteigung sein kann."

Sonja beim Abstieg einer imposanten Sanddüne

Leben in der Wüste

Blick auf "Dead Vlei", eine abgeschiedene Lehmpfanne ...

mit den grotesken Skeletten von längst verendeten Kameldorn-Bäumen.

Weites, unfruchtbares Land

"Deutsche Giebel am Ende der Welt gibt es im netten Hafenstädtchen Lüderitz zu bewundern. Hier wurde 1883 Deutsch-Südwestafrika geboren, als der Bremer Tabakhändler Adolf Lüderitz dem Nama-Häuptling Joseph Fredericks einen 20 Kilometer breiten Küstenstreifen abkaufte. Der grosse Aufschwung für den in trostloser, oft von kalten Küstennebeln umhüllter Landschaft gelegenen Ort kam 25 Jahre später, als der Bahnmeister August Stauch an der neuen Bahnstrecke Diamanten fand und dadurch einen Diamantenrausch auslöste. Angeblich sollen die glitzernden Steine nur so auf dem Wüstenboden verstreut gewesen sein. Einige Glücksritter wurden schnell Multimillionäre und bauten sich Villen in Lüderitz und Kolmanskop, dem einige Kilometer ausserhalb gelegenen Zentrum des Diamantenabbaus.

Als die Diamantenfelder 1928 erschöpft waren, endete Kolmanskop als Geisterstadt. Lüderitz hätte wohl dasselbe Schicksal ereilt, wären da nicht noch der lukrative Langustenfang und die verschiedenen Bergbauaktivitäten in der Umgebung. Heute sind Lüderitz und Kolmanskop beliebte Touristenziele. Die Villen und Industriegebäude der Geisterstadt sind wieder vom Sand befreit und teilweise renoviert worden. Hauptattraktion ist das einst lebensbrodelnde Kasino mit Theatersaal, wo das Bier auf dem Höhepunkt des Diamantenrausches noch locker mit Diamanten bezahlt wurde."

Afrikas Grand Canyon: Fish-River-Canyon

Fantastische Ausblicke auf den Fish-River-Canyon

"Nach diesem Abstecher in die deutsche Kolonialgeschichte lockt ein weiteres Naturwunder Afrikas: der Fish River Canyon. Während Jahrmillionen hat sich der Fisch-Fluss in die Erdkruste gegraben und eine faszinierende Erosionslandschaft geschaffen. Oft wird der Fish River Canyon mit dem Grand Canyon in den USA verglichen. Die von Wasser und Wind geschaffene, scharf eingekerbte Schlucht ist zwar von den Zahlen her weit weniger imposant als der Grand Canyon, denn dieser ist an seiner tiefsten Stelle rund drei Mal so tief. Trotzdem ist der Fish River Canyon ebenfalls sehr beeindruckend, vor allem auch infolge seiner Abgeschiedenheit und der Bewegungsfreiheit, die der Besucher hier noch geniessen darf. Auf einer Schotterpiste kann man der ungesicherten Abbruchkante folgen, und bald umgibt einen Einsamkeit und Totenstille. In den Morgen- oder späten Nachmittagsstunden ändern sich dann Farben und Schattierungen dieses riesigen Amphitheaters der Natur laufend. Obwohl offiziell verboten, reizt es uns, das Nachtlager gleich auf einer kleinen Ebene an der Abbruchkante aufzuschlagen. Ein eisiger Wind rüttelt an unserem Auto, und gerne verziehen wir uns nach dem Sonnuntergang in die wohlig warme „Stube", wo eine deftige Gerstensuppe vor sich hin köchelt."

Ausbalancierte Felsformation im Giants Playground

Sonnenuntergang im Köcherbaumwald

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