Bild- und Textausschnitte Peru, Bolivien, Paraguay und Brasilien

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Junge Indio-Frau bietet am Mirador Cruz del Condor (Colca-Canyon - Peru) süss-saure Kaktusfrüchte zum Verkauf an.

Als gerade wieder einmal ein Aufstieg geschafft und eine kleine Hochebene erreicht ist, fällt uns eine Gruppe von festlich gekleideten Indios auf. Musikanten mit Harfe, Violine und mehreren blechernen Blasinstrumenten spielen zum Tanz auf. Das wollen wir uns natürlich nicht entgehen lassen. Sofort umringen uns lachende Menschen und rufen auffordernd: „Hey Gringo, viene a bailar!" und schon schieben mich zwei Indios zum Festplatz. Sonja muss sogleich das Tanzbein schwingen, sehr zur Freude aller Anwesenden. Der Grund der fröhlichen Feier ist eine Hochzeit. Anhand üppiger Blumensträusse in ihren Armen, ist das Brautpaar unschwer zu erkennen. Uns wird Bier und selbstgebrannter Schnaps angeboten und nach einiger Zeit klettert die etwa hundertköpfige Gesellschaft auf die wartenden Lastwagen. Man ermuntert uns ebenfalls mitzukommen und bald darauf setzt sich der lustige Konvoi in Bewegung, um bereits nach kurzer Distanz schon wieder zu stoppen. Auf einer kleinen Ebene zwischen Strasse und Abgrund, gerade gross genug für die Hochzeitsgesellschaft, werden Mahlzeiten herumgereicht. Es gibt Reis, Kartoffeln, in Bananenblätter eingewickelten, gekochten Mais und gebratene Beinchen eines kleinen Tieres. Unsere Vermutung bewahrheitet sich bald: Die Beinchen stammen von einem Meerschweinchen. Die Hochlandindianer züchten das Hausmeerschweinchen bereits seit 5’000 Jahren. In Mitteleuropa Schmuse- und Versuchstier, gilt es hierzulande als Leckerbissen. Nach einem ersten, zögerlichen Versuch mundet es schliesslich auch uns. Alkoholische Getränke machen weiterhin grosszügig die Runde und die eigenartig zusammengesetzte Musikgruppe spielt erneut zum Tanz auf, obwohl dazu kaum genügend Platz vorhanden ist.

Am arbeitsfreien Sonntag lassen wir uns von Alex die Umgebung von Cuzco zeigen. Es ist noch früher Morgen, als wir die Stadt verlassen. Der traditionelle Indio-Markt von Chinchero ist bei unserem Eintreffen gerade in vollem Gange. Auf einem kleinen, von niedrigen Lehmhäusern umringten Platz sitzen die Indios in bunten Trachten hinter ihrem bescheidenen Angebot. Wie seit eh und je werden hier landwirtschaftliche Produkte oder Gegenstände für den täglichen Bedarf verkauft oder getauscht: Da wechselt eine Handvoll Kokablätter den Besitzer gegen ein Glas Chicha - ein in den Andenländern beliebtes Getränk aus Maniok, Süss-kartoffeln oder Mais - und dort werden einige aus dem Tiefland stammende Bananen gegen ein Häufchen Kartoffeln geboten. Die Indios sind derart mit sich beschäftigt, dass sie uns Touristen kaum wahrnehmen.

Der Ausblick über die guterhaltenen Tempelbauten auf dem terrassierten Gelände und den alles überragenden Gipfel des Huayna Picchu ist schlicht berauschend. Aber fast noch überwältigender ist die Landschaft, die diese geheimnisvolle Stätte umgibt: Nebelverhangene und pflanzenüberwucherte Bergspitzen strecken sich beinahe vertikal dem Himmel entgegen und von tief unten ist das Rauschen des reissenden Urubamba zu vernehmen. Kein Wunder, wurde Machu Picchu von den Spaniern nie gefunden. Erst 1911 entdeckte ein amerikanischer Historiker die von dichtem Dschungel begrabene Anlage, von deren Existenz bis dahin nur einige einheimische Bauern wussten. Bis heute ist das Wissen über Machu Picchu bruchstückhaft geblieben. Die Qualität der Steinbearbeitung und die Vielfalt der Verzierungen lassen aber den Schluss zu, dass es sich um eine bedeutende Kultstätte gehandelt haben muss.

Während Sonja die Anlage genauer erkundet, lasse ich die Eindrücke von meinem Aussichtsplatz aus auf mich einwirken. Wie konnten Menschen überhaupt auf die Idee kommen, in dieser abgeschiedenen und unzugänglichen Welt eine derart grossartige Anlage zu erstellen? Wie unendlich mühsam muss die Errichtung gewesen sein! Der Forscher Helfritz bringt es auf einen Nenner: „Machu Picchu ist ein Meisterwerk, von Menschen geschaffen, den Göttern geweiht."

Erst kurz vor Einbruch der Dunkelheit lasse ich mich von den Helfern zum Ausgang zurücktragen und mit dem letzten Bus geht es danach wieder dieselbe steile Strasse hinunter. Ein kleiner Junge ruft und gestikuliert den Businsassen zu und nach der nächsten Spitzkehre steht der Bengel erstaunlicherweise erneut am Wegesrand und nach der folgenden wieder. Zur grossen Gaudi der Passagiere wiederholt sich dieses Spiel bis die Talsohle erreicht ist. Der etwa zehnjährige Junge rannte den sehr steilen, in Falllinie angelegten Fussweg hinunter und war prompt immer schneller als der Bus. Der Fahrer lässt ihn nun einsteigen und sogleich wird der gewitzte Kerl mit grossem Applaus empfangen und mit Münzen belohnt. Wie wir später erfahren, wird dieser einträgliche Sport auch bei anderen talwärts fahrenden Bussen praktiziert.

Einmalig sind die schwimmenden Inseln auf dem See. Das Volk der Uros wollte stets seine Eigenständigkeit bewahren und entzog sich schon dem Zugriff der Inkas, indem es das in grossen Mengen vorhandene Tortora-Schilf als Lebensgrundlage wählte und daraus künstliche Inseln, Boote und Häuser fertigte. Das Leben der Uros hat sich in den letzten Jahren durch die zunehmenden Touristenströme aber stärker verändert, als es alle Einwirkung fremder Kolonisatoren in den vergangenen Jahrhunderten vermochten. Sie leben heute hauptsächlich vom Tourismus und auf vielen Schilfhäuser reflektieren nun Blechdächer und Solarzellen die Sonnenstrahlen. Der Besuch der schwimmenden Inseln ist für uns aber trotzdem ein schönes Erlebnis. Der Rollstuhl zieht die Kinder magisch an. Es macht den Rotznasen sichtlich Spass, mich mit vereinten Kräften über den weichen und schwabbelnden Untergrund zu schieben. Sie wollen mir natürlich ihre Schule zeigen, die heute Samstag aber geschlossen ist. Auf dem Weg dahin passieren wir waschende Frauen, welche ob des seltsamen Anblicks ihre Arbeit unterbrechen und belustigt winken, sowie kleine Gemüsegärten und freilaufende Schweine und Hühner.

Eine Woche verbringen wir in La Paz, dann wird es wieder Zeit weiterzuziehen. Das nächste Ziel ist der Nationalpark Sajama, dessen Mittelpunkt der gleichnamige Berg ist. Schon von weitem ist der eisgepanzerte Sechseinhalbtausender zu sehen ...

 ... und etwas entfernter tauchen dieselben Zwillingsvulkane auf, die wir schon vor zwei Monaten, damals von Chile her, bewunderten. Im Gegensatz zu damals trübt heute kein Wölkchen den Himmel. Wenige Kilometer vor der chilenischen Grenze biegt ein staubiger Weg zum kleinen Dorf Sajama ab, wo wir von den Aufsehern des Nationalparks Auskünfte und die Erlaubnis zum Übernachten erhalten.

Ein kaum befahrener Weg führt um den erhabenen Sajama herum, an heissen Quellen und spiegelglatten Bergseen vorbei, in denen sich diese unvergleichliche Landschaft spiegelt. Eine alte Indianerin steht am Wegesrand und lässt unbeirrt eine einfache Spindel auf- und abhüpfen, um Alpaka-Wolle zu spinnen. Wir lassen sie bis zu einem kleinen Dorf mitfahren, wo vor vielen Jahren längst vergessene Baumeister wieder eines dieser wunderschönen, weiss getünchten Kirchlein harmonisch an den Fuss des eisigen Berges gebettet haben.

Eine halsbrecherische Strasse führt von La Paz an beinahe vertikalen Abhängen vorbei in die dreieinhalbtausend Meter tiefer gelegenen tropischen Yungas hinunter - nichts für schwache Nerven!

Einige Überbleibsel deuten an, dass die Piste durch den Chaco vor Jahren einmal eine gewalzte Erdstrasse gewesen sein musste. Nun befindet sie sich in zunehmendem Masse in den verschiedensten Stadien der Auflösung und tiefe Lastwagenspuren zeugen von vergangenen Schlammschlachten. Der anfänglich noch feste Untergrund geht mehr und mehr in weichen Sand über. Zwei tiefe Radspuren führen, beidseitig von Böschungen eingekeilt, durch den Busch. Ein Ausweichen ist nicht möglich und trotzdem geht lange Zeit alles gut, bis unsere zu geringe Bodenfreiheit der Fahrt doch noch ein jähes Ende setzt. Nichts geht mehr - Wagenboden sowie Achsen liegen auf und die Räder drehen in der Luft haltlos durch. Die nahe an das Fahrzeug reichende Böschung verhindert mein Aussteigen und verurteilt mich zur Untätigkeit. Sonja muss alleine versuchen, das Auto freizuschaufeln, was sich aber schon bald als hoffnungsloses Unterfangen herausstellt. Als letzte Möglichkeit bleibt noch die Seilwinde, welche nun erstmals zur eigenen Bergung eingesetzt wird. Ein genügend starker Baum liegt gerade noch in Reichweite des Seiles und bald darauf sind wir wieder frei. Ein Ende des tiefen Sandes ist aber nicht abzusehen. Manchmal verzweigt sich der Weg und dann muss Sonja die weitere Strecke ablaufen und den besseren auswählen.

Es ist ein Bilderbuchtag, als wir staunend vor einem der grössten Naturwunder unseres Planeten stehen: Den Wasserfällen von Iguazú. Halbkreisförmig und über zwei Stufen stürzen 275 Kaskaden bis zu 70 Meter tief in eine enge Schlucht. Es tost, rauscht und donnert und in den Wolken des feinen Gischts bilden sich bei Sonneneinstrahlung bunte Regenbogen. Ein Laufsteg führt direkt über der Abbruchkante den Fällen entlang. Schmetterlinge in allen Farbvariationen flattern lautlos um uns herum. Andere Wege führen zum Fluss hinunter oder seitlich an die Wasserfälle heran. Wem die verschiedenen Pfade und Aussichtsplattformen noch nicht genügen, kann das Naturschauspiel auch aus dem Boot oder Helikopter bewundern.

Das historische Zentrum ist voll von wunderschönen kolonialen Häusern und Kirchen, Zeugnisse von einstiger Macht und Reichtum. Zuckerrohr, Kakao und Tabak brachten die Profite, die von Indianern und Afrikanern erschuftet wurden. Sklavenhändler, Grossgrund-besitzer und Kolonialbürger münzten gelegentliche Gewissensbisse aus Schuld und Mitschuld an Menschenraub, Folter, Grausamkeit und Mord in Kirchgold um. Nun türmt sich barocker Überschwang in siebzig alten, geschwärzten Kirchen.

Je weiter wir in den Sumpf vordringen, desto maroder werden die schmalen Holzbrücken. Bretter und Balken sind vermodert, zerbrochen oder fehlen gänzlich. Sonja muss immer wieder aussteigen und mir den Weg auf die Planken oder Balken weisen. Oft muss sie ein schweres Brett heranschaffen oder zurechtlegen. Während des Wartens betrachte ich skeptisch die morsche Holzkonstruktion, die unter uns gemächlich dahingleitenden Kaimane oder die nach Mücken haschenden Piranhas. Im Schneckentempo fahre ich über die Brücken und dabei knirscht und knarrt es jeweils bedenklich. Wenn dann ein Rad etwas abrupter als erwartet von der Planke knallt, schiesst es mir durch den Kopf: „Jetzt ist es passiert!", doch es rollt immer noch und das Herzklopfen kann sich wieder etwas beruhigen.

Kaum ist der erste Teich erreicht, entpuppt sich ein vermeintlicher alter Autoreifen bei genauerem Hinschauen als der gezackte Rückenteil eines Jacarés, Kaimans. Doch nicht nur einer, nein, viele! Überall sind welche und das quasi am Strassenrand! Und dann erst die Vögel! Noch nie haben wir derart viele Vögel direkt aus dem Wagenfenster beobachten und fotografieren können. 300 Vogelarten halten sich im Pantanal auf, wobei der auffälligste der Jaburu, der Welt grösster Storch, ist. In den Flüssen und Teichen tummeln sich 230 verschiedene Fischarten und es wimmelt von Reptilien und Säugern wie im Garten Eden. Jetzt, in der Trockenzeit, sind vor allem die Wassertiere gut zu beobachten, da sie sich bei den wenigen verbliebenen Teichen und Tümpeln aufhalten.

Vor dem Goldgräbernest Jacaréacanga spuckt uns der Wald wieder aus. Im kleinen Dorf hören wir von einer heute Abend nach Itaituba auslaufenden Fähre. Dagegen sind die Informationen über den weiteren Zustand der Transamazonica weiterhin widersprüchlich. Es ist zwar von Macheten, Motorsägen und Funkgeräten die Rede, doch vermuten wir, erstere werden für das Beseitigen von umgestürzten Bäumen benötigt. Da die Strasse bis anhin kaum Schwierigkeiten bot, fahren wir zurück auf die Transamazonica. Nach einigen Kilometern gilt es wieder einmal ein Stück brandgerodeten Waldes zu durchqueren. Die Baumleichen liegen kreuz und quer über der Erdpiste, als hätte ein Gigant eine riesige Streichholzschachtel ausgeschüttet, doch irgendjemand hat eine enge Fahrbahn herausgesägt. Hat man uns nur deswegen die Mitnahme einer Motorsäge empfohlen? Wir vermuten es und fahren weiter, nun wieder durch jungfräulichen Urwald. In der Annahme, die grössten Schwierigkeiten wären bereits überstanden, beginnen wir uns schon die baldige Ankunft in Itaituba auszumalen.

Durch Amerika

Am nächsten Morgen vertreiben wir uns auf der Rückfahrt die Zeit damit, die Steigungen zu zählen: Mehr als hundert sind es. Die meisten sind derart steil, dass sie im ersten Gang befahren werden müssen. Bei Regen steigert sich dann der Schwierigkeitsgrad ins Unermessliche. Diese Strasse ist ein Irrsinn! Während zwei bis drei Monaten im Jahr kann sie vielleicht befahren werden, für den Rest des Jahres bleibt nur noch das Pferd oder das Boot. Das beste wäre, diesen und andere Abschnitte der Transamazonica einfach zu vergessen und dem Dschungel zu überlassen. Wie so viele grössenwahnsinnige Projekte mit verheerenden ökologischen Folgen, wurde auch dieses unter der Militärdiktatur realisiert. Anfang der siebziger Jahre zog irgendein Technokrat mit dem Lineal einen Strich über die Landkarte - von der Atlantikküste quer durch den bis anhin unberührten Regenwald bis an die Grenze Perus. Die Folge davon war, dass Millionen von Bäumen gefällt, Milliarden Kubikmeter schlammige Erde bewegt, Hunderte von Brücken gebaut und für die sieben breitesten Flüsse riesige Fährboote ins Wasser gesetzt wurden. Ein Heer land- und rechtloser Kleinbauernfamilien aus den übervölkerten oder dürregeplagten Regionen des Nordostens sollte entlang der Mammutstrasse eine neue Heimat finden. Jeder Siedlerfamilie hatte man unter dem Motto „Land ohne Menschen für Menschen ohne Land" hundert Hektar Land versprochen. Tausende von Holzfällern, Farmern, Viehzüchtern und Goldsuchern folgten der Strasse und versuchten hier ihr Glück. Mit Bulldozern, Motorsägen und Streichhölzern schlugen sie weitere Schneisen durch Amazonien und rückten tiefer und tiefer in den Tropenwald vor. Beim Bau nannte man sie „Strasse des Jahrhunderts" oder „Strasse der Hoffnung". Siedler und Lastwagenfahrer tauften sie aber bald in „Transamargura - Strasse der Tränen" oder „Strasse der enttäuschten Hoffnung" um.

Durch Südamerika

Dann, am frühen Morgen unseres zwölften Tages in Novo Aripuana, vernehmen wir vom glücklosen Kapitän - inzwischen musste er auch noch seine Hand operieren lassen, - dass es nun in Kürze losgehe. Schnell wird aus Paletten eine provisorische Rampe erstellt und bald darauf steht Beni quer zur Fahrtrichtung vorne auf dem von der Fernando Reis geschobenen Ponton. Uns bleibt genügend Bewegungsfreiheit für einen gemütlichen Aufenthalt auf dem schwimmenden Untersatz. Wie Galionsfiguren sitzen wir zuvorderst auf der Balsa und geniessen den erfrischenden Fahrtwind. Langsam entschwindet Novo Aripuana und die vorerst noch parallel nebeneinander fliessenden lehmigen Fluten des Rio Madeira und das klare Wasser des Rio Aripuana vermischen sich zusehends. Nur selten ist eine einfache menschliche Behausung oder gar ein Dorf auszumachen, dafür unterhalten uns Süsswasser-Delphine und Schwärme von fliegenden Fischen mit ihren Kapriolen. Ein riesiger, mit Lastwagen vollgepferchter Doppelponton gleitet in entgegengesetzter Richtung nach Porto Velho. Hätten wir damals, vor drei Wochen, dort eingeschifft, wäre es uns wohl gleich ergangen wie diesen Caminhoneiros, die nun unter den Ladebrücken ihrer Fahrzeuge, dem einzig übriggebliebenen Aufenthaltsort, hocken.

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