Bild- und Textausschnitte Mittelamerika

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Durch Südamerika, Durch Amerika

Die Einreise nach Costa Rica erweist sich als ziemlich kompliziert, zeitraubend und verhältnismässig teuer, da eine Strassen-benutzungsgebühr bezahlt sowie eine Haftpflichtversicherung abgeschlossen werden muss. Somit sind wir seit Argentinien erstmals wieder versichert unterwegs. Dafür hat man uns die Orangen gelassen. Erwartungsvoll fahren wir in die „Schweiz Mittelamerikas", wie Costa Rica auch gerne genannt wird. Diesen Übernamen hat das kleine, flächenmässig gegenüber unserem Heimatland um etwa einen Viertel grössere Land, seiner politischen Stabilität und der modernen Verfassung zu verdanken. Bereits 1948 schaffte Costa Rica die Armee ab und ersetzte sie durch eine fünftausend Mann starke Polizei. Auch wenn die Nachbarländer immer wieder von Bürgerkriegen und Revolutionen heimgesucht wurden, so blieb Costa Rica doch eine Insel des Friedens. Die relativ stabile politische und wirtschaftliche Lage widerspiegelt sich in einem höheren Lebensstandard, was sich dem Besucher durch schmucke Häuschen mit gepflegten Gärten offenbart.

Unseren ersten Abend in diesem Land verbringen wir an einem wunderschönen, palmenumsäumten Strand am Pazifik. Das Farbenspiel der untergehenden Sonne bewundernd, taucht die Frage auf, wann wir das letzte Mal in solcher Idylle, ungestört von Lärm oder Insekten, bis in die späte Nacht draussen im Freien sitzen konnten? Es muss jedenfalls schon eine ganze Weile her sein.

Die Osterprozessionen von Antigua sind mittlerweile weit über die Landesgrenzen hinaus berühmt. Am Palmsonntag beginnen die Anwohner der Strassen, durch die die Prozession führt, bereits um fünf Uhr morgens mit dem Anlegen von bunten Teppichen aus Blumen, Piniennadeln, Pflanzensamen oder gefärbten Sägespänen. Vor allem die Bildnisse aus Sägespäne erfordern viel Aufwand und Geduld. Die Grundlage des Teppichs bildet eine dicke Schicht feuchter Sägespäne. Sorgfältig wird das künftige Kunstwerk ausgemessen und unterteilt. Mit einem Sieb streuen nun die Männer eingefärbtes Sägemehl darüber, bis das abgesteckte Feld einheitlich bedeckt ist. Die biblischen Symbole und Figuren entstehen durch Streuen von leuchtend farbigem Sägemehl auf zuvor angefertigte Schablonen. Mindestens eine Person ist vollauf damit beschäftigt, den sich über viele Quadratmeter ausbreitenden Teppich fortwährend mit Wasser zu besprühen, da sonst der kleinste Luftzug die Arbeit vieler Stunden davon wehen könnte. Den Kunstwerken ist auch so nur ein kurzes Leben beschieden, denn wenn am Nachmittag Hunderte von Prozessionsteilnehmer darüber hinweg gewandert sind, dürfte wohl kaum mehr viel davon zu erkennen sein.

Da heute Karfreitag ist, wollten wir eigentlich auch der hiesigen Prozession beiwohnen, doch wird diese erst spät in der Nacht abgehalten. Dafür hören wir von einem Osterspiel, das auf dem Fussballplatz des Dorfes stattfinden soll. Wir haben nicht die geringste Ahnung, um was es sich bei diesem Anlass handelt. Der Fussballplatz besteht lediglich aus einer sandigen, pflanzenlosen Fläche, umsäumt von Erdwällen und Steinmauern, auf welchen sich schon viele Zuschauer, fast ausschliesslich Indios, versammelt haben. Auf dem Feld tummeln sich Burschen in Frauengewänder mit von weither lesbarer Aufschrift „Judas". Einige haben sich zudem mit Perücken und Masken verkleidet und sind mit Baumästen sowie schrill lärmenden Hupen bewaffnet. Zwei ältere Männer machen mich darauf aufmerksam, dass mein momentaner Standplatz nicht empfehlenswert sei, da hier demnächst Pferde durchreiten und ein Krieg stattfinden würde - die Vertreibung des Judas. Also suche ich mir einen etwas sichereren Platz, doch kann ich ja nicht wie die anderen Zuschauer einfach auf eine Mauer klettern. Die verkleideten Burschen vertreiben sich bis zum Beginn der Darbietung die Zeit mit Fussballspielen oder bespritzen sich gegenseitig mit dem stinkenden Wasser des Flusses, der etwas weiter oben durch jene Müllhalde fliesst. Die Zuschauer kriegen dabei auch ihren Anteil ab, was aber niemanden gross zu stören scheint.

Dann endlich treffen die ersten, die Rolle der Römer ausübenden Reiter ein und hüllen sogleich den ganzen Platz in eine dicke Staubwolke. Die Juden schlagen mit Ästen auf die Pferde ein. Die Reiter versuchen ihrerseits, die Juden zu fangen oder zu vertreiben. Manchmal gelingt es, einen Reiter - er versinnbildlicht für die Zuschauer die spanischen Eroberer - vom Pferd zu reissen, was zur Gaudi des Volkes öfters zu Handgreiflichkeiten führt. Die Pferde schiessen gelegentlich bedrohlich auf die Zuschauer zu und bedecken allesamt mit einer dicken Staubschicht. In meiner ungeschützten Position fühle ich mich nicht allzu wohl, zumal einige Reiter ziemlich betrunken sind und ihre Tiere nicht mehr über alle Zweifel erhaben beherrschen.

Tikal, mächtigste Stadt und grösstes Zeremonialzentrum des Maya-Landes, liegt mitten im Dschungel des Petén. Der Regenwald ist, dank der Erklärung der weiteren Umgebung Tikals zum Nationalpark, noch weitgehend intakt. Und gerade die Synthese von himmelstürmenden, bis zu 64 Meter hohen Pyramiden, von Menschen einer längst versunkenen Kultur geschaffen, und der Natur, die sich ihr angestammtes Revier wieder zurückerobert hat, macht Tikal so einmalig. Auf unserer Wanderung zu den Ruinen entdecken wir schon nach wenigen Schritten die ersten Tukane, währenddessen die Brüllaffen mit ihrem schauerlichen Gebrüll auf sich aufmerksam machen. Vorbei an teilweise noch überwachsenen Tempeln und Pyramiden nähern wir uns dem Zentrum der Anlage. Plötzlich gibt der Wald den Blick auf die beiden wichtigsten, beinahe wolkenkratzerähnlichen Tempel frei. Nur absolut Schwindelfreien ist der Aufstieg über die sehr steilen und hohen Treppenstufen zu empfehlen. Ich muss natürlich auf eine Besteigung verzichten, doch der Anblick dieser majestätischen Bauwerke ist auch aus meiner Froschperspektive äusserst beeindruckend. Das Erkunden der weiträumigen Anlage ist spannend, da es immer wieder neue Tempel und überwucherte Relikte zu entdecken gibt. Die körperliche Anstrengung in der enormen Hitze ist aber gross und wird von vielen Besuchern unterschätzt, wie von jenen direkt aus dem kalten Norden eingeflogenen Touristen älteren Jahrgangs, die bald mit hochrotem Kopf und dem Zusammenbruch nahe nach Luft japsen.

                                                                     Dem Ziel entgegen - Nordamerika

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