Nordostafrika

Teil 10: Sudan und Ägypten

Einsam und verlassen: Die Pyramiden von Meroe

Begegnung in der Wüste

Hier ist Bodenfreiheit gefragt

Der Nil fliesst als längster Fluss der Erde durch die grösste Wüste der Erde und bildet dadurch wohl auch die längste Oase unseres Planeten.

"Minarette der Moscheen oder ein Konzentrat von Krämerläden oder Verwaltungsgebäuden zeigen jeweils so etwas wie einen Dorfkern an, das Dorf scheint aber indessen nie zu enden. Einstöckige Häuser stehen auf einem weiträumigen, von einer hohen Mauer umfriedeten Grundstück. Umfriedungsmauern und Hauswände sind sorgfältig mit Lehm verputzt, manchmal auch mit verzierenden Strukturen versehen oder mit leuchtenden Farben gestrichen und mit Ornamenten verschönert. Es entsteht der Eindruck eines bescheidenen Wohlstandes, der während Generationen aus sich heraus gewachsen ist. Schliesslich wird das Nil-Tal seit Jahrtausenden von Menschen bewohnt und kultiviert und hat auch eine der ältesten und höchstentwickelten Kulturen der Menschheit hervorgebracht. Die Sudanesen sind zwar immer noch von sehr dunkler Hautfarbe, Schwarzafrika mit seiner allgegenwärtigen Improvisation liegt nun aber definitiv hinter uns."

Liebevoll gepflegte Häuser im Norden des Sudan

"Eine eigentliche Strasse gibt es nicht. Man folgt einfach den Spuren im Sand und kurvt um Häuser oder von komplizierten Bewässerungssystemen geflutete Felder herum, in denen das Korn dicht und fett steht. Männer in blendend weissen, wallenden Gewändern und in farbige Tücher gehüllte Frauen winken uns freundlich zu. So befinden wir uns gegen Abend immer noch in diesem endlosen Dorf. Bei einer kleinen Tankstelle mit einem grossen Vorplatz bitten wir um Erlaubnis,die Nacht hier verbringen zu dürfen. Der Tankwart spricht sogar einige Worte Englisch, und nachdem unserem Anliegen freundlich entsprochen worden ist, eilen sogleich Männer davon, um mit einem eisernen Federbett inklusive Decke wiederzukommen. Sie deuten mir, mich hinzulegen und auszuruhen. Gar so wörtlich haben wir es mit dem Wunsch, hier zu rasten, auch wieder nicht gemeint! Wir zeigen ihnen unsere Schlafstelle im Auto, welche auch angemessen bewundert wird. Das Eisenbett bleibt aber vorderhand trotzdem noch an seinem Platz, während die Männer sich alsbald wieder diskret zurückziehen und auch die von ihrer natürlichen Neugier getriebenen Kinder durch kurze Anweisungen fernhalten. Noch selten haben wir in Afrika mitten in einem Dorf so ruhig und unbehelligt gestanden und uns dabei so wohl und willkommen gefühlt."

Auf dem Weg nach Wadi Halfa

"Nun trennen sich unsere Wege definitiv, und ein weiteres Mal verabschieden wir uns von unseren Freunden, um Khartum in nördliche Richtung zu verlassen. Nach einigem Rumfragen – Wegweiser gibt es keine und wenn, dann nur in arabischer Schrift – finden wir die richtige Ausfallstrasse. Sogleich sind wir von vegetationsloser Wüste umgeben: Die Sahara hat uns wieder! Bereits am frühen Nachmittag verlassen wir die wenig befahrene Strasse und suchen uns einen von Dünen abgeschirmten Rastplatz, nehmen ein Buch zur Hand, vertiefen uns in die Lektüre und geniessen die einzigartige Ruhe, wie man sie derart absolut eben nur in der Abgeschiedenheit der Wüste vorfindet. Alleine das Flüstern des Windes und das Ticken der Armbanduhr sind zu hören. Später, wenn die Schatten länger, die Farben intensiver und die Landschaftsformen kontrastreicher werden, lassen wir uns immer wieder ablenken und den Blick über den Buchrand hinaus in die weite Wüste schweifen. Nachdem dann die Sonne hinter dem Horizont versunken ist, wird es rasch kühl. Es ist jetzt Mitte März, und wir befinden uns offenbar bereits im Klimaeinfluss des nördlichen Winters. Aus den Tiefen des Schrankes holt Sonja eine wärmere Decke hervor, und schon bald schlafen wir tief und fest.

Bis Wadi Halfa ist es noch weit, aber wir haben nichts zu eilen, da die nächste Abfahrt der Fähre über den Nasser-See frühestens in zehn Tagen erfolgt. So nehmen wir es auch mit dem Frühstücken etwas gemütlicher und fahren deshalb auch später als sonst los."

Autobus in der sudanesischen Wüste

Unsere Gastgeberinnen zum Hochzeitsfrühstück in Wadi Halfa

Üppig und sehr lecker: Sudanesisches Festessen

"Wie vereinbart treffen wir uns pünktlich vor Kamals Büro, nur ist dieses noch verschlossen und von Kamal keine Spur zu sehen. Von einer der allgegenwärtigen Teeküchen versorgen wir uns mit dem aromatischen und stark gesüssten Gebräu, bis der Erwartete irgendwann in seiner wehenden Galabiya auftaucht und uns überraschend zum Frühstück einer nubischen Hochzeitsfeier einlädt. Also fahren wir mit ihm durch den weitläufigen Ort zu einem von aussen unscheinbaren Haus, das in seinem Inneren aber überraschend gross ist und sogar einen Hauch von Vornehmheit ausstrahlt. Viele Männer haben es sich bereits auf den auf dem Boden ausgebreiteten Matten bequem gemacht und sind nun damit beschäftigt, Fladenbrot in verschiedene Gefässe zu tunken. Wir werden in einen noch leeren Raum geleitet, und eigens für uns bringt man Stühle und einen Tisch her, der bald einmal mit Tellern und silbernen Schüsseln, aus denen es köstlich dampft und duftet, überhäuft ist. Das frisch gebackene Brot mit den würzigen Fleisch- und Gemüse-Gerichten ist sehr schmackhaft. Nachdem wir alle gesättigt sind, wird der Tee serviert und später dürfen wir in einem Nebenhof den Frauen beim Zubereiten der Mahlzeiten zuschauen."

Albrecht fährt seinen Iveco auf das wacklige Frachtschiff, das uns über den Nasser-See bringen soll.

Beni wird festgezurrt

 

Auf der Fahrt von Wadi Halfa nach Assuan - eine enge Angelegenheit

"Da das schmale Schiff nun quer zu den Wellen liegt, schaukelt es ziemlich heftig. Mangels brauchbarer Planken zum Überbrücken des Abstandes zwischen Steg und Schiff opfern Miriam und Cohen ihre rostigen Sandbleche. Ihr Jeep ist das leichteste Fahrzeug und wird deshalb zuerst verladen. Annemarie rastet beim Anblick dieser etwas abenteuerlichen Verladeaktion völlig aus und schreit Schiffsbesatzung und ihren armen Antonio an. Antonio ist aber als zweiter an der Reihe, und wild entschlossen fährt er nun auf die ihm zugewiesene kleine Fläche. Es folgen der Iveco der Bayern und unser „Beni", der den längsten Radstand aufweist und gerade noch knapp Platz findet. Alle sind wir mit dem Verzurren der Fahrzeuge beschäftigt, nur Annemarie schreit weiterhin ihren Unmut aus der Seele und weigert sich kategorisch, das Schiff zu betreten. Antonios Bemühungen, seine Frau doch noch umzustimmen, verzögern die Abfahrt und erzürnen nun auch den ägyptischen Kapitän. Schliesslich wirft Antonio wütend Pass und einige Kleidungsstücke seiner auf dem Pier herumtobenden Frau zu, die dann vor sich hinfluchend davonstapft. Sie wird wohl mit dem Passagierschiff folgen. Endlich ziehen nun die Matrosen das letzte Tau ein. Unser Himmelfahrtskommando kann beginnen!"

Einfach kolossal: Abu Simbel

"Perfekt in Ausmass und Bildhauerkunst stellen die vier gigantischen Kolossalstatuen Pharao Ramses II. in sitzender Position dar. Zwischen den Kolossen gelangt man ins Innere des in den Fels getriebenen Tempels, wo der Besucher andächtig durch einen ebenfalls Ramses II. repräsentierenden Säulengang schreitet. Die Wände spiegeln mit ihren prächtigen Verzierungen den militärischen Ruhm des grossen Pharao wider. 65 Meter vom Eingang entfernt, tief im Inneren des Berges, gelangt man schliesslich ins Allerheiligste des Tempels, einen kleinen Raum, in dem Ramses mit drei weiteren Göttern sitzt. Die Position dieses Raumes wurde genau errechnet, denn zweimal im Jahr, beim Äquinoktium (Tagundnachtgleiche), durchdringt bei Sonnenaufgang ein Lichtstrahl den Tempel und beleuchtet die Statuen von Amon, Harmakhis und des Pharaos. Nach zwanzig Minuten verschwindet der Sonnenstahl dann wieder. Besonders auffällig ist, dass die vierte, den Gott der Dunkelheit darstellende Statue, nie vom Lichtstrahl getroffen wird."

 

"Nach weiteren 70 gemütlichen Kilometern kommen wir in Luxor an, der alten Hauptstadt Theben. Hier konzentrieren sich die grossartigsten Bauwerke des alten Ägypten und befinden sich die Gräber von Pharaonen und Königen. Vom zentral gelegenen „Rezky-Camp“ aus können wir gut zu Fuss zu den Sehenswürdigkeiten am östlichen Nilufer pilgern. Luxor ist hauptsächlich eine Touristenstadt und entsprechend gross sind die Sicherheitsmassnahmen. Schliesslich war es auch hier – wenn auch auf der gegenüberliegenden Flussseite – wo islamische Fundamentalisten 1997 im Hatschepsut-Tempel ein schreckliches Attentat verübten, das 58 Touristen das Leben kostete. Es wurden damals schwere Sicherheitsmängel aufgedeckt, was dann auch dem verantwortlichen Innenminister den Job kostete. Sein Nachfolger will nun offensichtlich nicht mehr denselben Fehler begehen."

 

Durch die westliche Wüste Ägyptens. Das Strassennetz ist gut ausgebaut und befindet sich in einem guten Zustand. Der Konvoipflicht kann man auf dieser Route entgehen.

"Es folgen nun 1’200 Kilometer entspannte Fahrt auf meist guter Strasse, durch grüne Oasen und manchmal abwechslungsreiche, manchmal auch monotone Wüstenlandschaft. Es zeigt sich wieder einmal, dass die Wüste ihren wahren Reiz erst dann offenbart, wenn sie abseits der Überlandstrassen erkämpft und erlitten werden muss. Trotzdem schätzen wir nun das komfortable Teerband, da während der letzten Wochen unser Bedarf an Wellblechpisten und Staubschlucken genügend gedeckt wurde."

Traumhafter Übernachtungsplatz in der Weissen Wüste

"Als absoluter Höhepunkt dieser Route gilt die „Weisse Wüste“. Sie hat ihren Namen durch die blendend weisse Bodenbeschaffenheit mit den fantastischen Felsformationen erhalten. Noch vor dem als Nationalpark ausgeschilderten Gebiet verlassen wir die Strasse und suchen uns zwischen diesen Kunstwerken der Natur, zwischen von Wind, Sand und Wasser geformten Pilzen, Tieren oder Fabelwesen, einen Übernachtungsplatz. Am Abend überzieht die untergehende Sonne die bizarren, schneeweissen Felsen mit einem leichten goldroten Schimmer. Es ist unbestritten einer der schönsten Lagerplätze dieser Reise."

In der Weissen Wüste

Kunstwerk von der Natur erschaffen

Sonnenuntergang in der Weissen Wüste

Abendstimmung über Gizeh

"Gizeh und seine Pyramiden erreichen wir am folgenden Abend. Es ist Karfreitag. Bereits vor einem Vierteljahrhundert stand ich staunend vor den Pyramiden. Damals erhob sich dieses Weltwunder noch beinahe frei zugänglich aus der Wüste, doch nun ist das Gelände mit den üblichen Sicherheitsvorkehrungen grossräumig umzäunt, und die Pforten sind ab 16.00 Uhr bereits geschlossen. Der Moloch Kairo hat den einstigen Vorort Gizeh schon längst verschlungen und breitet sich weiterhin unaufhaltsam wie ein Krebsgeschwür aus. Die grösste Stadt Afrikas soll derzeit um die 18 Millionen Einwohner zählen und alle 10 Monate um eine weitere Million wachsen. So wird für heute nichts aus dem geplanten Sonnenuntergangsfoto. Stattdessen stürzen wir uns ins Verkehrsgewühl, um ein geeignetes Camp für die nächsten Tage zu suchen. Nach einigem Umherirren entlang von zum Himmel stinkenden, mit Müll überladenen Kanälen, finden wir schliesslich das „Salma-Camp". In einem grossen Hof können wir trotz der Stadtnähe eine ruhige Nacht verbringen und dabei erst noch einen Blick auf die sich vor der untergehenden Glutkugel der Sonne als Silhouette abzeichnenden Pyramiden werfen."

Gigantisch in jeder Hinsicht: Die Pyramiden von Gizeh

Berittener Polizist sorgt bei den Pyramiden für Recht und Ordnung

Endlich kommen Taucherbrille und Schnorchel auch einmal zum Einsatz: Rotes Meer, Sinai-Halbinsel

Katharinen-Kloster im Herzen des Sinais

"Am Abend, nachdem die Touristenmassen abgezogen sind, steigen wir hinauf zu einem Platz, wo man einen ungehinderten Ausblick auf das weltberühmte Kloster und die imposante, in der Abendsonne golden leuchtende Bergwelt hat. Die eindrückliche Landschaft und das Wissen um die Heiligkeit dieses Ortes üben eine magische Ausstrahlung auf den Besucher aus. Hier soll sich Gott in Form eines brennenden Dornbusches Moses offenbart haben, und auf dem Djebel Musa, an dessen Fuss sich das Kloster klammert, soll Moses von Gott die Tafeln der Zehn Gebote erhalten haben, jene Steintafeln also, die später nach Äthiopien entführt wurden. Bereits im 3. oder 4. Jahrhundert der neuen Zeitrechnung wurde an der Stelle, wo sich einst der brennende Busch befunden haben soll, eine Kapelle errichtet. Zum Schutz der Mönche und Eremiten vor Überfällen erweiterte man die stetig wachsende Klosteranlage festungsartig. Heute beherbergt das Katharinen-Kloster eine der reichsten Ikonen- und Handschriftensammlungen der Welt."

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