Pakistan, Indien und Nepal

Doch die Freude ist nur von kurzer Dauer. Schon bald werden wir von einer Strassensperre der Revolutionsgardisten angehalten. Man heisst uns, die Seitentüre zu öffnen, worauf der Neugier ungehindert freien Lauf gelassen wird. Nach einer halben Stunde ist diese offenbar fürs erste befriedigt, und wir können weiterfahren. Aber nicht lange, schon bald folgt die nächste. Die dritte derartige Kontrolle ist dann die schlimmste. Ein unverschämter Typ durchwühlt unser Wageninneres und richtet ein heilloses Durcheinander an. Wir können nur vor Wut schäumend zusehen. Wenn er wieder etwas Interessantes gefunden hat, präsentiert er seine Trophäe den umstehenden Kameraden, sagt etwas in Farsi dazu, worauf diese mit grölendem Gelächter antworten. Der Kerl scheut nicht einmal davor zurück, mit seinen dreckigen Stiefeln auf unser Bett zu steigen. Schliesslich findet er in der Tasche meines Rollstuhls noch die vom Zoll unentdeckten Spielkarten (Glücksspiele sind im Iran verboten). Nun wird’s ernst. Es wird noch intensiver gesucht. Sonja steht bleich am Wagen, während ich immer noch hinter dem Steuer sitze. Da eine Konversation nicht möglich ist, denn niemand spricht oder versteht eine Fremdsprache, zudem wird uns klar gemacht, dass Besucher des Irans gefälligst Farsi zu sprechen haben, verlange ich nach meinem Rollstuhl. Ich kann nicht mehr einfach passiv hinter dem Steuer sitzen. Dies scheint den Gardisten etwas zu besänftigen, und er unterbricht seine Suche.

Die Raststätte wird fast nur von Lastwagen angefahren. Dies gibt uns die Gelegenheit, diese fahrenden Kunstwerke einmal eingehender zu betrachten. Die Fahrzeuge sind über und über mit Ornamenten, Kettchen, Lämpchen und Gemälden verziert. Über der Führerkabine befindet sich ein riesiger hölzerner Aufbau - natürlich auch liebevoll bis ins Detail ausgeschmückt - der als Schlafzimmer, Ersatzteillager und Werkzeugkasten dient. Die Crew eines LKWs besteht in der Regel aus drei Mann: Dem Fahrer, dem Beifahrer und dem Putzer. Kommt so ein Vehikel bei der Raststätte ächzend zum Stehen, eilt der für die Reinlichkeit Zuständige sofort mit einem Lappen um das Fahrzeug, um ja jedes Stäubchen von Chrom und Lack zu entfernen. Der Beifahrer schenkt währenddessen der Mechanik einen prüfenden Blick. Der Fahrer aber, ganz seiner hierarchischen Stellung gemäss, begibt sich auf einen Kart.

Gegen Abend lassen wir uns mit einer der stinkenden und lärmenden Motorikschas zum Goldenen Tempel, dem grössten Heiligtum der Sikhs, chauffieren. Am Eingang zum Tempelareal muss man Schuhe und Socken ausziehen. Die Tempelwächter werden aber durch meinen Rollstuhl vor ein grosses Problem gestellt. Sind die Reifen nun Schuhe oder nicht? Eine heftige Diskussion entbrennt unter den bärtigen Männern. Schliesslich wird ein altehrwürdiger Oberaufseher geholt. Sein grauer, wallender Bart reicht ihm bis auf die Brust. Er spricht gut Englisch, meint aber, ich könne mit dem Rollstuhl die Tempelanlage nicht "betreten". Hingegen würde man mich gerne durch den Tempel tragen, oder als Alternative könnte man mich zu einem Aussichtspunkt im zweiten Stock hinaufbefördern.

Der vergoldete Tempel steht inmitten eines Wasserteichs. Aus den Lautsprechern ertönen die Lesungen des Hohepriesters aus dem heiligen Buch, dessen Original im Goldenen Tempel aufbewahrt wird. Eine einmalig friedliche Stimmung herrscht hier. Kaum zu glauben, dass dieses Heiligtum vor wenigen Jahren noch Ort kriegerischer Auseinandersetzungen zwischen Extremisten der Sikhs und der indischen Armee war.

Endlich ist ein letzter Pass bezwungen. Vor uns breitet sich das Kashmir-Valley aus. Reisterrassen und fruchtbare Äcker umringt von schneebedeckten Fünf- und Sechstausendern. Die Felder werden mit Ochsengespannen mühsam gepflügt. Eine gute, von schattenspendenden Bäumen umsäumte Strasse bringt uns nach Srinagar.

Gegen Abend erreichen wir eine grössere Stadt, deren Durchquerung einmal mehr nervenaufreibend ist, da wie überall in Indien Wegweiser fehlen und das Menschengewimmel und der Verkehr chaotisch sind. Gerade werweisen wir wieder einmal an einer Kreuzung, als ein Kleinbus mit zwei Sikhs neben uns hält, welche sich nach unseren Problemen erkundigen. Nachdem wir ihnen diese geschildert haben, fordern sie uns auf, ihnen einfach zu folgen, denn sie müssten in die gleiche Richtung fahren . Einige Kilometer ausserhalb der Stadt halten sie an und teilen uns mit, dass sie hier ihr Ziel erreicht hätten. Sie lebten gleich auf der anderen Strassenseite auf einer grossen Farm, und falls wir Lust hätten, wären wir herzlich eingeladen. Nun, dagegen haben wir natürlich nichts einzuwenden. Bald darauf sitzen wir mit der ganzen Familie im Garten bei Tee und Bisquits.

Im Morgengrauen des nächsten Tages brechen wir wieder auf. Wir haben nur noch einen Wunsch, nämlich möglichst schnell dieser Gluthitze zu entfliehen, nach Nepal. Hier in der Ganges-Ebene ist ein schnelles Vorwärtskommen aber nicht möglich. Da wir uns im Überschwemmungsgebiet des Stromes befinden, sind die Strassen auf Dämmen gebaut. Diese werden nach wie vor in mühseliger Handarbeit gebaut. Sogar Kies und Schotter werden durch Menschenhand gewonnen. Am Strassenrand zerkleinern junge Burschen, oft auch Kinder, an der prallen Sonne sitzend mit einem Hammer Felsbrocken.

Jaipur ist am nächsten Tag erreicht. Die Hitze ist noch grösser geworden. Im Auto zu schlafen ist fast unmöglich, in einer Stadt sowieso nicht. So beziehen wir wieder einmal ein einfaches Hotel. Gegen Abend raffen wir uns zu einer ersten Besichtigung der "Pink City" (so genannt wegen des rosaroten Sandsteins, mit dem die heutige Altstadt vor knapp dreihundert Jahren erbaut wurde) auf. Hier in Rajasthan ist alles noch farbenprächtiger. Die Frauen tragen leuchtendfarbene Kleider und viel Silberschmuck .

Schnappschuss in der Altstadt von Katmandu

Beobachten und beobachtet werden in Katmandu

Chris und Therese wollen am folgenden Tag wieder weiterfahren. Nachdem wir uns verabschiedet haben, fährt Chris im Retourgang zum Platz hinaus. Doch da ertönt ein wüstes Geräusch aus dem Getriebe, und der 2CV steht bockstill. Das Getriebe ist blockiert, der Wagen lässt sich nicht einmal mehr schieben. Chris nimmt's erstaunlich gelassen. Er hat ja während den letzten zwei Jahren auch schon einiges erlebt! So beginnt er auch unverzüglich mit der Demontage von Motorhaube und Kotflügel. Als die Antriebswellen gelöst sind, kann der 2CV wenigstens zu uns an den Schatten geschoben werden. Gegen Abend ist der Motor und das Getriebe ausgebaut. Gemeinsam zerlegen wir das Getriebe in seine Einzelteile. Die Ursache ist eine zu wenig gesicherte Schraube an der Hauptwelle. Ohne ein Ersatzteil zu benötigen, bauen wir das Getriebe wieder zusammen. Die Probefahrt verläuft trotz einigen übriggebliebenen Kleinteilen erfolgreich. Zwei Tage später als vorgesehen können die beiden ihre Reise fortsetzen.

Nach 1'500 zurückgelegten Kilometern auf dem NH7 erreichen wir die Strassenkreuzung, die im Neunziggradwinkel nach Westen abbiegt, nach Goa. Auf halbem Weg gibt es allerdings noch eine Sehenswürdigkeit zu geniessen, die vom Tourismus ziemlich verschont geblieben ist, uns aber sehr beeindruckt, nämlich die Ruinenstadt Hampi. Es sind nicht nur die sehr gut erhaltenen Überreste der einstmaligen Hauptstadt eines riesigen Hindureiches, die faszinieren. Hampi liegt inmitten einer eigenartigen, aber sehr schönen Landschaft. Auffällig sind die glattgeschliffenen, runden Felsbrocken, die wie verstreut herumliegen. Dazwischen dehnen sich Zuckerrohr- und Getreidefelder aus. Immer wieder stösst man auf Ruinen, denn die Stadt soll im 15. Jahrhundert eine Ausdehnung von 33 Quadratkilometer und eine Einwohnerzahl von einer halben Million gehabt haben.

Etwas weiter südlich befindet sich Quilon, bekannt als Ausgangsort für eine Fahrt durch die Backwaters, ein Labyrinth von Wasserstrassen, Flüssen und Seen. Im 'Indien Handbuch' wird das Tourist- Bungalow als Uebernachtungsort angepriesen. Die in ein Hotel umfunktionierte ehemalige britische Residenz befindet sich ziemlich weit ausserhalb des Ortes. Es ist eine wunderschöne Villa im Kolonialstil und verfügt nur über acht Zimmer. Aber was für welche! Für fünf Franken erhalten wir im ersten Stock ein Appartement mit einem Schlafzimmer von der Grösse eines Saales. Dazu gehören noch ein riesiges Bad plus ein zusätzliches Zimmer und ein grosser Balkon mit herrlicher Aussicht auf den gepflegten Park. Auf seine Anfrage beauftragen wir den Koch, frischen Fisch zu besorgen. Er gibt sich alle Mühe, ein leckeres Nachtessen zu bereiten, welches uns auf der Veranda serviert wird.

Am Morgen sind wir mit einem Führer verabredet, der uns mit seinem Motorboot durch die Backwaters fahren will. Endlich hat er den Motor in Gang gebracht. Die Ufer und Inselchen sind dicht mit Palmen bewachsen. Darunter leuchten buntbemalte kleine Häuser. Zuweilen kommt man auch an einer christlichen Kirche vorbei. Wie schon in Cochin gibt es auch hier wieder diese seltsamen chinesischen Auslegenetze, mit denen vom Ufer aus gefischt werden kann. Auf dem spiegelglatten Wasser hingegen wird aus kleinen Einbäumen mit Netzen gefischt. Manche Eingeborene tauchen nach Muscheln oder Krebsen. Mit Bambusstangen werden lange Holzboote durch die seichten Gewässer gestakt.

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